„Der tut nix“ – und doch macht er etwas

„Der tut nix.“
Ein Satz, den wohl fast jeder Hundehalter schon gehört hat. Und ja, meistens stimmt er sogar. Die meisten Hunde wollen keinen Streit. Und trotzdem bedeutet das nicht, das dem so ist. 

 

Gerade gestern hatten wir wieder so eine typische Situation.

Eine Hündin lief uns entgegen. Schon von Weitem sah ich ihre Körpersprache: starrer Blick, steife Haltung, direktes Zulaufen. Ich rief Hoshi wie immer zu mir und sage ihr, sie soll bei mir bleiben. Nicht, weil ich Angst habe, dass etwas passiert sondern weil ich ihr damit Sicherheit gebe. Ich übernehme die Situation für sie.

Denn würde ich das nicht machen, würde Hoshi die Situation selbst "meistern". Sie würde ziemlich sicher nach vorne springen, kurz vor dem anderen Hund stoppen oder sich durch Hüpfen grösser machen. Für manche Menschen sieht das lustig aus. Für mich ist es das nicht. Denn Hoshi ist in solchen Momenten nicht fröhlich oder verspielt sondern unsicher und unhöflich.

 

Wie so oft kam dann der bekannte Satz:
„Meine macht nichts.“

Mittlerweile antworte ich meist nur noch:
„Aber meine.“

 

Nicht, weil Hoshi gefährlich wäre. Sondern weil ich keine Diskussionen mehr führen möchte. Manchmal reicht dieser Satz, damit Menschen ihren Hund etwas zu sich nehmen.

Doch gestern kam eine Antwort, die mich ehrlich sprachlos machte:
„Das macht nichts.“

 

WIE?

 

In diesem Moment dachte ich einmal mehr: Würden wir mit einem Dobermann statt mit einem Zwergpinscher spazieren, würden die Menschen vermutlich ganz anders reagieren. Kleine Hunde werden oft nicht ernst genommen. Kleine Hunde sind für ihre grösseren Hunde keine echte Bedrohung. 

 

Schlussendlich kreuzten wir uns. Ich schirmte Hoshi ab, sie läuft einen grossen Bogen, der andere Hund geht ohne Weiteres an uns vorbei. Und ich weiss:
Ihr Hund hat meiner etwas gemacht.
Nicht körperlich. Aber emotional.

 

Er hat ihr Angst gemacht.

Und genau deshalb stimmt der Satz „der tut nix“ nicht.

 

E5in Hund muss nicht aggressiv sein, um bei einem anderen Hund Stress oder Unsicherheit auszulösen. Bereits starren, direktes Zulaufen können für den anderen Hund unangenehm sein. 

 

Vielleicht war die andere Hündin selbst unsicher. Vermutlich war genau dieses starre Verhalten sogar Ausdruck davon und sie hätte sich selbst Unterstützung gewünscht. Führung. Orientierung. Einen Menschen, der die Situation für sie mitträgt.

 

Solche Begegnungen erleben wir auch manchmal beim Joggen an der Aare. Die Menschen laufen vorneweg, der Hund mehrere Meter dahinter. Dann kommen wir entgegen. Der Weg ist schmal, es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten und der Hund steht plötzlich alleine da und muss die Situation selbst lösen. Purer Stress für manche Hunde. Und dies sogar, ohne dass der andere Hund Signale gibt wie Starren etc. 

 

Ich wünsche mir manchmal, dass wir Hunde nicht nur danach beurteilen würden, ob sie „lieb“ oder „aggressiv“ sind. Körpersprache beginnt viel früher. Unsicherheit beginnt viel früher. Und Rücksicht ebenfalls.

 

Ich wünschte mir, dass Menschen ihre Hunde genauer beobachten: 
Wie verändert sich ihre Körperhaltung, wenn andere Hunde auftauchen? Werden sie steif? Starr? Langsamer? Aufgeregter?

Und wie sieht es beim andern Hund aus. Egal ob gross oder klein: 

 

Denn auch ein Hund, der „nichts tut“, kann beim anderen Hund sehr viel auslösen.

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